17. Februar 2011
GC: Der Fussballklub kämpft ums Überleben. Kein Grund, als Fan zum FCZ zu wechseln, findet Philippe Welti*.
Den Grasshopper-Fans bleibt nichts erspart: Jetzt kann sich der Klub das ungeliebte Letzigrund-Stadion nicht mehr leisten und verlässt die Stadt. Die Heimspiele des Rekordmeisters werden künftig womöglich auf einem Acker im Luzerner Vorort Emmenbrücke ausgetragen. Zudem haben wir den Abstieg im Nacken und unsere besten Spieler sind auf dem Sprung in einen anderen Klub. Die letzten Monate und Jahre waren für GC-Anhänger hart. Soll ich dem Klub deshalb wechseln? Nein! Das Leiden am Klub stärkt den Charakter!
Angefangen hat es für mich Ende der Sechzigerjahre. Wann genau, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Tatsache ist: Es hat mein Leben entscheidend geprägt. Obwohl ich in Bern wohnte, wurde ich Anhänger eines Zürcher Fussballklubs. Meine Tante, die seit über 50 Jahren neben dem Letzigrund wohnt, hatte insgeheim gehofft, dass ich mich für den «Z» entscheiden würde. Mein Onkel nahm mich sogar einige Male an einen FCZ-Match mit. Es half nichts. Vor die Trikot-Wahl gestellt, entschied ich mich für GC. Rein visuell, aber irreversibel. Und dem Wunsch eines Kindes widersetzt man sich nicht.
Andere hatten einen Vater, der sie an die Matches, in seine Welt, mitnahm. Ich nicht. Fussball war zu Hause verpönt, Klavierspielen angesagt. Ich war kein besonders selbstsicheres Kind: Das GC-Trikot, das damals noch aus Baumwolle bestand, trug ich in jeder Turnstunde. Die Hänseleien im Berner Schulhaus ertrug ich jahrelang mit stoischer Ruhe. Ich war “dr GC” – und bin es für ehemalige Mitschüler bis heute. Alle wussten, wo ich fussballerisch stand. Ich war ein Exot und ein belächelter Aussenseiter. Die Young Boys waren in Bern das Mass aller Dinge. Mein Klub hatte seit Jahrzehnten nichts mehr erreicht.
Mein erster Stadionbesuch brachte das erste Erfolgserlebnis: Die Grasshoppers besiegten im Entscheidungsspiel um den Meistertitel 1971 im Wankdorf Basel mit 4:3 nach Verlängerung. Mit einem Schulfreund und dessen Vater auf der Tribüne – natürlich im GC-Leibchen – feierte ich “meinen” ersten Meistertitel. Die Mannschaftsaufstellung weiss ich heute noch auswendig. Hooligans gab es damals noch nicht, ich kam heil nach Hause und wusste: Ich stand auf der richtigen Seite. Mein Selbstbewusstsein wuchs. Doch dann passierte lange nichts mehr, bis Günter Netzer kam.
Ab den Achtzigerjahren war GC der Spitzenverein in der Schweiz. Der Fussball war inzwischen aber nicht mehr mein Ein und Alles. Es gab auch Mädchen. Mein Herz flog mal der einen, mal der anderen zu. Die Konstante in meinem Leben waren die Grasshoppers.
Leiden macht stark
Seit dem letzten Meistertitel im Jahr 2003 leide ich wieder mit dem Klub. Gehänselt werde ich heute von meinen Zürcher Freunden, die fast alle für den FCZ sind. Warum wechsle ich nicht über die Geleise, wo seit Jahren der bessere Fussball gespielt wird und echte Stars zu Hause sind? Weil meine Geschichte mit GC zu meiner Lebensgeschichte gehört. Den Verein jetzt im Stich zu verlassen, käme einem Verrat an meiner Kindheit gleich. Unmöglich. Das GC-Leibchen im Bern hat mich stark gemacht. Ich lernte, mich gegen die Mehrheit zu behaupten und eine Meinung allein gegen alle anderen zu vertreten. Mich haut heute nichts mehr so schnell um.
Dieses Jahr feiert GC seinen 125. Geburtstag. Und kaum jemand nimmt es wahr. Die Schlagzeilen sind der Stadion- und Geldsuche sowie dem drohenden Abstieg gewidmet. Für mich ist klar: Kickt der GC künftig im unpersönlichen Siedlungsbrei des Schweizerischen Mittellandes, fernab der Heimat, und womöglich in einer Liga, die bis vor kurzem einen so poetischen Namen wie “Dosenbach Challenge League” trug, fängt der Spass erst an. Dann sind die Spieler uns Zuschauern wieder so nah, wie ich einst dem GC-Crack Kurt Rüegg, den ich 1969 auf dem Berner Hausberg Gurten als kleiner Bub mit vor Ehrfurcht zittriger Stimme um ein Autogramm bat – natürlich im GC-Leibchen.
* Philippe Welti ist Kommunikationsberater bei der Stöhlker AG.
Zum Artikel im “Tages-Anzeiger” als PDF >