7. Juni 2011
Eines vorweg: Wenn ich einen Fussballverein nicht mag, dann ist es der FC Bayern. Mit grossem Glück gewannen sie dreimal in Folge den Europacup der Landesmeister in den 70er Jahren. Und das nach Jahren des Totaal Voetbal, wie er von Ajay Amsterdam praktiziert wurde. So etwas vergisst man nicht. Und doch habe ich nun, neugierig geworden durch den Titel “Der FC Bayern und seine Juden”, die Geschichte des FC Bayern gelesen. Fast wäre mir der Verein sympathisch geworden. Oder ist er es schon?
Was Dietrich Schulze-Marmeling präsentiert lässt aufhorchen. Mindestens zwei Gründungs-Mitglieder des Klubs waren Juden, Joseph Pollack und Benno Elkan. Der Autor stellt zudem fest, dass der Klub zwischen 1900 und 1933 ein weltoffener und liberaler Klub gewesen sei, in dem Juden wie selbstverständlich eine Heimat fanden. Insgesamt dreimal stand dem FC Bayern mit dem charismatischen Bayer Kurt Landauer ein jüdischer Präsident vor.
Während des Nazi-Regimes floh er in die Schweiz. Als der FC Bayern 1943, damals mit einem Nazi als Präsidenten, in einem Freundschaftsspiel im Hardturm gegen die Schweizer Nationalmannschaft antritt, ist Landauer im Publikum. Sein Versuch, mit seinem Mannschaft in Kontakt zu treten, wird von offizieller Stelle unterbunden. Eine andere Sympathiekundgebung konnte die Gestapo allerdings nicht verhindern: Nach Spielschluss lief die Mannschaft in Richtung Tribüne und winkte ihrem ehemaligen Präsidenten zu.
Auf 250 gibt es viele traurige und ein paar schöne Geschichten. Das Buch handelt aber nicht nur vom FC Bayern und seinen Juden, sondern auch von Spielern, die keine Juden waren, aber trotzdem Probleme mit den Nazis hatten. So wie Sigmund Haringer.
Im 21. Jahrhundert wird der Druck gross, sich der jüdischen Vergangenheit zu stellen. Der Impuls dazu kommt ausgerechnet von der geschichtsbewussten Ultra-Gruppierung “Schickeria”. 2009 zum 110. Bayern-Geburtstag veröffentlicht diese eine eigene Chronik, die sich ausführlich den Jahren 1933 bis 1945 widmet. Alljährlich trägt die “Schickeria” ein antirassistisches Turnier um den Kurt-Landauer-Pokal aus.
Kurz: Ein absolut lesenswertes Buch, gespickt mit Hintergrundinformationen über den deutschen Rekordmeister, das ich jedem Fussballinteressierten zur Lektüre empfehlen kann. Er oder sie muss dabei ja nicht unbedingt zum Bayern-Fan werden, aber auszuschliessen ist es nicht.
Der FC Bayern und seine Juden – Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fussballkultur. 272 Seiten, Verlag Die Werkstatt, € 14.90.
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30. März 2011
Ich bin ein Napoleon-Verteidiger. Indem er mit dem Ancien Régime in der Schweiz aufräumte, war ein Wohltäter für die Schweiz. Aus dem buntscheckigen alten Europa wollte er einen einzigen nationalen Körper machen nach dem römischen Modell – mit einem Strassennetz, einer Armee, einer Sprache und einem einheitlichen Recht. Die Portraits, die er von sich in Auftrag gab, reflektieren Napoleons Selbstverständnis und haben einen anderen berühmten Franzosen der Neuzeit inspiriert. Bisher kaum erforscht ist das Trauma des Krieges. Es ist ein Hauptthema der grossen Napoleon-Ausstellung in Bonn, die noch bis zum 25. April dauert. Die grandiose Schau zeigt, wie Napoleon das moderne Europa der industrialisierten Gesellschaften möglich machte. Der umfassende Katalog dazu ist ein Meisterwerk an sich.
Zum ersten Mal seit dem Dreissigjährigen Krieg (1618 – 1648) prägte die physische Erfahrung von Schmerz und Angst eine ganze Generation in Europa. Diese kollektive Erfahrung spricht aus unzähligen Exponaten, aus Briefen und Bildern. Und natürlich entstand aus dieser Not ein Entwicklungsschub der europäischen Medizin, welche der Katalog mit Bildern Verwundeter und Sterbender, die der britische Militärarzt Charles Bell auf dem Schlachtfeld von Waterloo nach der Natur aquarellierte, zeigt. 55‘000 Tote und Verwundete seien nach dem Kampf auf dem Schlachtfeld von Waterloo zurückgeblieben. Zu den Zahlen, die der Katalog nennt, muss man wissen, dass sie nicht gesichert sind. Die Gesamtsumme der Toten aller Kriege seit 1797 dürfte mehr als drei Millionen betragen, genannt wird aber auch die Zahl von fünf Millionen. Deutschland hatte damals etwa 20 Millionen Einwohner. Wer die Menschenverluste auf heutige Verhältnisse hochrechnen will, muss sie vervierfachen.
Das sind beeindruckende Zahlen, die zu rechtfertigen kaum möglich ist, auch unter Verweis auf den zivilisatorischen Fortschritt, den die Franzosen über Europa (und vor allem die zurückgebliebene Schweiz) gebracht haben. Napoleon gehört damit mit zu den ganz grossen Schlächtern der Weltgeschichte.
Dabei sind die Opfer der Seuchen, die am Ende der Kriegszeit seit 1812 überall in Europa wüteten, in den obengenannten Zahlen nicht enthalten. Findet man in Osteuropa heute Massengräber, dann hat man die Wahl, ob sie aus dem Zweiten Weltkrieg stammen oder aus dem Winter 1812/13. Die Ausstellung zeigt das Foto eines Massengrabes in Vilnius, das 2002 entdeckt wurde. Die Kriegskosten der napoleonischen Zeit sind in den Schuldbüchern nicht-französischer Städte und Regionen bis zum Ersten Weltkrieg nachweisbar.
Napoleon und Europa – Traum und Trauma. Der Katalog (Prestel Verlag) kostet 32,00 Euro.
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18. März 2011

Klar, dass es mit den Radikalen Radieschen Ärger geben musste. Grossmäulig und fanatisch schrecken sie vor keiner Provokation zurück. Wo immer sie auftauchen, sind die Rüebli gegessen. Tatsache ist: Die langen und die runden Gemüse gerieten sich in die Haare, resp. Blätter. Wies dazu kam, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Den Anfang nahm der Konflikt mit dem Besuch der diplomatischen Lauchstange beim Bürgermeister des Dorfes, bei dem sie von aufkeimenden Grabenkämpfen berichtet…
Nur ein kleines Kaninchen hat Mitgefühl für beide Seiten und kümmert sich nach den Gefechten mit einem pazifistischen Zucchino um die Verletzen aus beiden Reihen. 
Doch glücklicherweise findet die Geschichte im Champignon’schen Frieden ein gutes Ende.
Die illustrierte Chronik „Der Krieg der Gemüse“ von Philippe Berntrand ist mit ihren wunderschönen Illustrationen und mit ihrem Wortwitz eine vegetarische Fabel und gleichzeitig eine äusserst amüsante Einführung in die Militärbotanik. Als Parabel für das Zusammenleben in der heutigen Gesellschaft karikiert sie augenzwinkernd die absurden Vorurteile der unsere willkürlichen Verhaltensweisen. Selten habe ich mit grösserem Vergnügen an einem Bilderbuch ergötzt. Ich kann das Buch wärmstens empfehlen – als Vegetarier sowieso.
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