20. Dezember 2010
Am Wochenende herrscht in den Stadtzürcher Kirchen vielenorts die grosse Leere. Das muss nicht sein. Mit kommunikativen Massnahmen sollte es möglich sein, die Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher zu verdoppeln – nicht nur in Zürich. Dies, innerhalb von drei Jahren.
Bei rund 100‘000 Reformierten in der Stadt Zürich zählen die Kirchen am Sonntag im Durchschnitt gerade einmal 2000 Besucher. Ein Grossteil der Gottesdienstbesucher kommt dabei von ausserhalb der Stadt und besucht die grossen Kirchen Grossmünster, Fraumünster und St. Peter, die Leuchttürme des reformierten Zürich. Und die anderen Kirchen? Hier sind die Kirchenbänke dünn besetzt – und es herrscht eine Stimmung wie im Altersheim.
Es gibt einen Weg aus der Krise: Aus dem – nach Ansicht einiger – “trägen Apparat” muss wieder eine dynamische Kirche werden, denn eine Alternative dazu gibt es nicht, soll ihr Erbe und ihre religiöse und soziale Gestaltungskraft gewahrt bleiben.
Dazu muss die Kirche
- Sichtbar werden
- Ihre Geschichte und Tätigkeit erlebbar machen
- Den Mut zur gelebten Vision haben.
Tatsache ist: Profil und Bild der Kirche in der Öffentlichkeit (externe Kommunikation) sind gegenüber allen Beteiligten und Interessierten zu verbessern.
Wie dies gelingen könnte, versuche ich hier in einem Sieben-Punkte-Programm darzulegen. Ein detailliertes Kommunikationskonzept mit konkreten Massnahmen und deren Umsetzung müsste dazu allerdings noch ausgearbeitet werden.
1. Vision und Strategie formulieren
Vorschlag:
- Wir sind und wollen Volkskirche bleiben.
- Der Glaube ist nicht nur Privatsache.
- Die Kirche bietet einen öffentlichen Raum, in dem Glaube stattfinden und in einer lebedigen Gemeinschaft erlebt werden kann.
2. In Kommunikation investieren
Die Äufnung bedeutender Finanzmittel sind ein deutlicher Hinweis auf ein kirchliches Denken, das Sicherheit in den Vordergrund stellt. Der Glaube entfaltet sich am besten in Unsicherheit, weil zuviel Geld die Menschen bekanntlich „träge“ macht (Hans J. Bär). Die heutige Praxis beruht auf viel internem Aufwand bei sinkender Aussenwirkung. Der Aufbau einer kirchlichen Stadtakademie als Bildungshaus für die Kirche und ihr nahestehender Kreise (ähnlich der Paulus-Akademie) ist zu prüfen.
3. Richtig kommunizieren
Der Versuch, an Zielgruppen gerichtete Botschaften abzugeben, darf nicht dazu führen, die Zentralbotschaft des christlich-reformatorischen Glaubens zu vernachlässigen.
Der Gottesdienst als Verkündung der christlichen Botschaft soll in den Kirchgemeinden aufgewertet werden. Es geht um nicht weniger als die Rückgewinnung der liturgischen Kompetenz, worin das Geheimnis Gottes in dieser Welt zum Ausdruck kommt.
Ich schlage drei Hauptbotschaften vor:
- Glaube – die Flamme soll wieder brennen im Zentrum des Dreiecks Gott – Mensch – Glaube
- Solidarität – Mitmenschen
- Ökumene – wir sind nicht allein
4. Die Pfarrer stärken
Die Pfarrer sind die wichtigsten Botschafter der Kirche, ihrer Zeugenschaft ist von zentraler Bedeutung für die Kirche. Da auch der Aufwand für Ausbildung und Löhne beträchtlich ist, wie die “Aufnahme und Analyse des Ist-Zustandes” (Landert/ Brügger) zeigt, muss das wertvollste Gut der Gemeinde, der Gemeindepfarrer, gestärkt werden. Ich schlage vor, zwei Programme einzuführen:
- Glaubwürdige Rhetorik: Inhalt – Botschaft – Überzeugung
- Effiziente Steigerung der Präsenz und Wirkung in der Gemeinde
5. Aktivierung der Kirchenpflege
Weil neben dem Gemeindepfarrer die Kirchenpflege in jeder Beziehung eine zentrale Rolle spielt, soll sie und ihr Umfeld mit zwei Themen aktiviert und optimiert werden:
- Eine Kirche – eine Aufgabe – ein Ziel (das gemeinsame Vorgehen)
- Optimierung der Organisation zur Vermeidung von Konflikten
6. Neugestaltung der Gottesdienste
Formal wie inhaltlich entleerten Gottesdiensten muss ein Ende gesetzt werden. Sie sind das Herz der Gemeinde, aber dieses Herz ist krank. Wir schlagen daher ein Erneuerungsprogramm mit folgenden Inhalten vor:
• Pflichtenheft und Training der Predigten
• Öffnung des Direktkontakts zur Gemeinde
• Gespräch nach der Predigt/Diskussion Stärkung der Kirchenmusik – Das Feiern mit Musik, Gesang, Gebeten und Texten soll im Zentrum stehen
Es muss wieder deutlich gemacht werden, dass Kirche kultischen Charakter hat und kein Glaubensseminar zur Selbstverwirklichung ist.
7. Die Medien als Mittler
Die Kirche schöpft das hohe Potential bisher nur wenig aus, sich in den Publikumsmedien „Tages-Anzeiger“ und “NZZ” positiv zu positionieren. Über die Zeitung “Reformiert” erreicht die Kirche ihre Mitglieder. Damit bietet sich ihr die Möglichkeit zur Selbstprofilierung.
Politik und Wirtschaft, auch Wissenschaft und Kultur, haben in Ansätzen gelernt, mit den Medien umzugehen. Die Stadtkirche darf den Umgang mit den Medien nicht einzelnen Talenten oder Zufällen überlassen. Sie erbringt eine Fülle wertvoller Leistungen, die auf dem Weg über die Medien zum Vorteil der Kirche wirken können. Die Medien sind ein Multiplikator für die Kirche.
Es muss vor allem gelingen, aus dem engen Rahmen kirchlicher Sendungen auszubrechen und alle relevanten Medien für das Anliegen der Kirche zu gewinnen. Fernsehen und Internet sind zentral, um die “abtrünnigen” Christen wieder zu gewinnen.