Zürich geht eigene Wege bei Fussgängerstreifen;
Die Stadt will als Mittel der Corporate Identity künftig konsequent auf eine blau-weisse Musterung setzen – Pilotphase ab Juli Teil der Corporate Identity
Vor allem aus ästhetischen Gründen, aber auch auf Anraten von Verkehrspsychologen ändert die Stadt Zürich Farbe und Musterung ihrer Fussgängerstreifen. Die aufwendige Neuerung dürfte 250 Millionen Franken kosten.
Gelbe Fussgängerstreifen prägen seit Jahrzehnten das Strassenbild der meisten Städte. Das gilt auch für Zürich, das nun mit dieser Tradition bricht: Voraussichtlich ab kommendem Jahr werden alle Strassen der Limmatstadt auf blauweissen Längsstreifen überquert. Die Exekutive hat den Grundsatzentscheid gefällt, eine nötig gewordene Sanierung zur kompletten Umgestaltung zu nutzen – ein Vorgehen, das sie sich bei öffentlichen Bauten und Anlagen schon fast zur Gewohnheit gemacht hat.
Die Umwandlung, die in einer Pilotphase ab kommendem Juli in der Badenerstrasse (Kreis 3 und 4) sowie in der Seefeldstrasse im Kreis 8 getestet wird und ab 2012 sämtliche rund 4000 Streifen der Stadt einbeziehen soll, hat diverse gedankliche Väter. Hinter vorgehaltener Hand wird eingeräumt, dass vor allem ästhetische Gründe ausschlaggebend waren: Dass die gelben Streifen beispielsweise zu den blauen Züritrams passen wie die Faust aufs Auge, ist manchen Verantwortlichen schon länger ein Dorn im Auge. Die Grundidee eines Farbwechsels geht jedoch, wie beteuert wird, ursprünglich auf Anregungen von Verkehrspsychologen zurück. Die Farbe Gelb nämlich soll nebst dem Vorteil der Signalwirkung einen gewichtigen Nachteil haben: Ihr wird aufgrund einiger Studien ein sogenannt schritthemmender Effekt nachgesagt. Das heisst, dass sich Menschen auf gelben Streifen womöglich langsamer fortbewegen als sonst, was namentlich bei älteren Leuten die Unfallgefahr erhöhen kann.
Hinzu kommt das Problem der Querstreifen: Ein Zürcher Forscherteam will unlängst belegt haben, dass diese viele Tiere irritieren, ja geradezu paralysieren. Besonders bei Katzen kann dies zu unkontrollierten Seitwärtsbewegungen führen, was schon manchen Haustiger das Leben gekostet haben soll. Deshalb werden Zürichs neue Streifen nicht quer, sondern parallel zur Gehrichtung angebracht. Den erheblichen Mehraufwand hierfür, in der Höhe von rund 50 Millionen Franken, rechtfertigt nach Einschätzung der Projektleitung vom städtischen Tiefbauamt jedes Katzenleben, das gerettet werden kann.
Was die Farbwahl betrifft, hatte man sich zunächst für den alleinigen Einsatz von Weiss entschieden, wie es vom Bund erlaubt und andernorts schon im Einsatz ist. Dann bekam Zürich Tourismus Wind von den Plänen – und dessen Präsident Elmar Ledergerber bewies wieder einmal Sinn für lokalpatriotische Effekte: Er wirkte erfolgreich darauf hin, dass die Wappenfarben der Stadt in die Neugestaltung einfliessen. So werden die Streifen nun abwechslungsweise weiss und blau sein. Zürich Tourismus verspricht sich davon einen «Werbeeffekt weit über die Landesgrenzen hinaus». Endlich erhalte Zürich ein Wahrzeichen, und dies gleich in tausendfacher Ausführung, schreibt die Organisation in einer Stellungnahme.
Der Stadtrat doppelt nach: Nach der erfolgreichen Harmonisierung des Designs von Bootsvermietungshäuschen sei dies ein weiterer Schritt zum eigenständigen Stadtbild, begründet er den Beschluss. Zebrastreifen seien als Teil der Corporate Identity nicht zu unterschätzen. Anders als sogenannte Verkehrsberuhigungsmassnahmen wie die «Berliner Kissen», mit denen ein als «Schwellen-Ruedi» bekannt gewordener Stadtrat in den Achtzigern den Asphalt dekorierte, soll die neue Markierung ausschliesslich positive Assoziationen wecken und «Identifikationspunkte» für die ganze Bevölkerung bieten. Zudem werde der gewählte Anstrich bei Regen nicht glitschig, sei also nicht nur fussgänger-, sondern auch äusserst velofahrerfreundlich.
Gemäss amtsinternen Schätzungen dürfte die Rundumerneuerung 250 Millionen Franken verschlingen – etwa fünfmal so viel wie eine blosse Sanierung, die laut kantonalen Vorgaben an den meisten Stellen ohnehin nötig wäre. Die Bundesbewilligungen für die Neugestaltung stehen noch aus, doch soll es sich nur um eine Formsache handeln. Problematischer dürfte die Abstimmung mit EU-Normen sein, aber die Stadt ist guter Dinge, dass sich das bilateral lösen lässt.
Auf Skepsis stösst das Vorhaben allerdings auf eidgenössischer Ebene: Das Bundesamt für Unfallverhütung bezeichnet es auf Anfrage in einer schriftlichen Stellungnahme als «kostspielige, eher befremdliche Vermengung von Show-Elementen und Sicherheitspolitik». Auch sei der hemmende Effekt der Farbe Gelb mitnichten erwiesen.
Noch in den Sternen steht die Zukunft einer flankierenden Massnahme, die auf besonders gefährliche Übergänge beschränkt werden soll: Es handelt sich um versenkbare Barrieren, die kurz vor der Grünphase für Passanten automatisch aus dem Boden fahren und diesen zusätzlichen Schutz bieten. Auch dieses Element wird ab Juli erprobt, doch könnte eine serienmässige Umsetzung an den Kosten von rund 5 Millionen Franken pro Standort scheitern.