Wer in die Algarve in die Ferien geht, muss auf touristische Karten zurückgreifen, auf die er sich nicht verlassen kann und die auch nicht mit unseren Landeskarten vergleichbar sind. Diese sind zu ungenau und lieblos gemacht und sind im Gelände völlig ungeeignet. Über Umwege bin ich vor Jahren in den Besitz von portugiesischen Militärkarten im Massstab 1:25’000 aus den 50er und 60er Jahren gelangt (siehe unten). Sie sind topographisch schön gemacht, aber die Orientierung mit ihnen kommt dem Tappen im Dämmerlicht gleich. Sie helfen nur für eine ganz grobe Orientierung. Zwar gibt es offenbar beim Instituto Geográfico Português so etwas wie kartographische Karten, aber solche zu bestellen kommt einem Spiessrutenlauf durch die portugiesische Beamtenschaft gleich. Ein Unterfangen, das ich, nachdem ich das dritte Mal an einen unmotivierten Mitarbeiter weitergeleitet wurde, aufgegeben habe.
Wie signalisiere ich gesundes Wachstum ohne Übertreibungen? Für ein finnisches Unternehmen liegt der Griff auf die Birke nahe. Ein Baum kann nur wachsen, wenn er gehegt und gepflegt wird. Die Birke ist nicht nur der verbreiteste Laubbaum in Finnland, sondern auch ein Symbol für die dortige Natur. Aus diesem Grund hat sich der Finanzdienstleister Estlander & Partners, der seit kurzem auch über seinen Sitz in Zürich verfügt, als Firmenloge den Querschnitt eines finnischen Birkenstammes zugelegt. Genau das Richtige für ein Unternehmen, das kein Wall Street-High Profit-Jäger sein will, sondern Wert auf dauerhaftes Wachstum legt.
Ich erinnere mich an die vielen Konzertplakate von Gheorge Zamfir in den 80er Jahren in Bern. Er schien ein Star zu sein – aber nicht für mich.Seit gestern weiss ich, wer hinter der penetranten Werbung für den rumänischen Flötisten steckt. Es ist Marcel Cellier, der mit seiner Frau Catherine als einer der ersten in den Osten Europas ging, um dort neue musikalische Perlen zu entdecken und diese nach Westeuropa zu importieren. Heute ist er 86-jährig und erzählt aus seinem Leben. Seine Faszination für die Musik vom Balkan ist ungebrochen, auch wenn die Freundschaft mit Zamfir wegen finanzieller Streitereien zerbrochen ist. Der Panflöten-Virtuose kommt dabei nicht gerade als grosse Sympathieträger rüber, sondern eher wie eine Diva, die Cellier, den Schöpfer des “Stars”, ausnützt. Aber es gibt ja noch den Frauenchor des bulgarischen Staatsfernsehens, besser bekannt unter dem Namen Le Mystère des voix bulgares.
Der Kommunismus war die grosse Zeit der Folkloremusik, die von der Partei ausgeschlachtet wurde. Hochzeiten und Taufen wurden damals zu öffentlichen Anlässen umfunktioniert, zu denen der Staat die musikalische Begleitung lieferte. Interviews mit Musikern zeigen, dass der subversive Untergrund lebte und das Misstrauen gegenüber dieser staatlich verordneten Unterhaltung wach blieb. Das verdeutlichen auch die Interviews mit den bulgarischen Staatssängerinnen. Der Dokumentarfilm des Baselbieters Stefan Schwietert (Accordion Tribe) gibt einen Überblick über das Musikschaffen in der Balkanregion, von den Fünfzigerjahren bis heute. Dazwischen schwenkt die Kamera immer wieder an den Genfersee zu Marcel Cellier und dessen Frau, die ihr abenteurliches Leben Revue passieren lassen. Der Film kommt demnächst in die Kinos (in Zürich im Kino Riffraff). Zu Empfehlen ist er allen Freunden der Balkan-Musik und geschichtlich und ethnologisch Interessierten.
Es war ein anstrengender Tag und ich bin auf dem Heimweg. Schon von weitem sehe ich den verwahrlosten jungen Mann auf dem Trottoir sitzen. Mit zwei Hunden teilt er sich eine Decke gegen die Kälte, vor sich ein Plakat, worauf steht: Ich habe Hunger. Danke! «Danke» ist doppelt unterstrichen. Als ich an ihm vorbei gehe, ruft er mir zu: «Einen wunderschönen Abend noch in der warmen Stube!» Ich rufe ihm zu, dass ich ihm gerne die Adresse des lokalen HEKS, des Hilfswerks Evangelischer Kirchen, gebe, wo er sich Hilfe holen kann. Er wendet sich desinteressiert ab.
Bettlern gebe ich nie Geld – jedenfalls nicht in der Schweiz. Eine Kollegin von mir hat Mitleid und gibt mal hier und mal da einen Franken oder sogar zwei. Sie meinte kürzlich, ich sei zu hart gegenüber Randständigen. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, dass ich dem verwahrlosten jungen Mann nichts gegeben habe?
Nein, denn ich bin reformiert. Mit der Reformation mussten Behinderte und Arbeitsunfähige nicht mehr betteln, sondern wurden unterstützt von denjenigen, die arbeiten konnten. Und für die Krankenfürsorge war nun der Staat zuständig. Dem christlichen Gebot, den Armen zu helfen, wurde in Zwinglis Almosenordnung aus dem Jahr 1525 entsprochen. Wer aber gesund war, der wurde, statt seine Talente im Müssiggang zu vergeuden, zur Arbeit angehalten. Kommt Ihnen dies bekannt vor?
Wir Reformierten haben die Grundlage unserer modernen Sozial- und Wirtschaftsordnung gelegt und waren Wegbereiter des Kapitalismus und des Wohlstandes der Schweiz. Ohne protestantisches Arbeitsethos gäbe es auch die Finanzmetropolen Zürich und Genf, wo das Betteln verboten ist, nicht.
In der Schweiz gibt es ausreichend staatliche und kirchliche Hilfe für wirklich Bedürftige. Niemand ist gezwungen zu betteln. Wer aber einem Bettler Geld zusteckt, verhindert im schlimmsten Fall, dass er seine Lage von Grund auf ändert. Und wer weiss, ob das Geld statt in Nahrung in Alkohol fliesst oder, wie in Bern bereits aktenkundig, dem Chef einer Bettlerbande abgegeben werden muss?
Was auf den ersten Blick einem Aussenstehenden hartherzig vorkommen mag, ist in Tat und Wahrheit Hilfe zur Selbsthilfe – ganz in reformiertem Sinne. Ich habe ein reines Gewissen.
Woran ist die Verzweiflung der Reformierten spürbar? Die Fokussierung der Kirchenangebote auf kurzlebige Trends bedeutet den billigen Ausverkauf einer 2000-jährigen Tradition. Mit dem Kniefall vor gesellschaftlichen Milieus hecheln unsichere Kirchenvertreter dem Zeitgeist hinterher, statt sich auf ihre ewigen Kernkompetenzen zu besinnen: Die Vermittlung des Glaubens und die Interpretation der Bibel. Zentraler Ort dazu ist der Gottesdienst. Wenn die Pfarrer rhetorisch auf der Höhe und überzeugt sind von dem, was sie sagen, kommen die Gläubigen von selbst wieder zurück. Die Stärkung der Pfarrer muss deshalb höchste Priorität haben. Die Bibel hat mit ihrer inneren Komplexität und Deutungsoffenheit nichts an Faszinationskraft eingebüsst. Ganz im Gegensatz zur Kirche, die sich nicht bewusst scheint, dass sie Platz für alle bietet unter ihrem Dach.