Lektüre
Der Homo migrans in Europa
Wir sind alle irgend einmal eingewandert. Moderne Genanalysen, wie auf dieser Seite auch schon besprochen, belegen es: Der Homo migrans hat sich über die Welt ausgebreitet. Vor diesem Hintergrund haben die Herausgeber die Wanderungsgeschichte eines ganzen Kontinents vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenswart zusammengetragen. Mit der Enzyklopädie der Migration in Europa liegt nun ein 1100-seitiges Lesebauch vor, in dem zu blättern sich spannender gestaltet als in einem Abenteuerroman. Über 200 einzelne Artikel widmen sich Themen wie „Jugoslawische Arbeitswanderer seit Ende des Zweiten Weltkriegs“, „Pakistaner in Grossbritannien seit den 1950er Jahren“ oder „Bosnische Bärenführer in Nordwesteuropa“. Der 15-seitige Artikel über die Schweiz gibt eine gute Gesamtschau über die Zu- und Abwanderung. Hier erfährt man, dass bereits Ende des 18.Jahrhunderts rund 25’000 Schweizer in den USA lebten. In der Kombination der Länder- und Wandergruppen-Artikel erweist sich die Enzyklopädie als grosser Wurf und praktisches Hilfsmittel – nicht nur für Politiker und Historiker.
Klaus J. Bade u.a.; “Enzyklopädie Migration in Europa”, Verlag NZZ, 2008
Lydia Welti-Escher – Ein gesellschaftspolitisches Drama
Ein besseres Drehbuch lässt sich nicht schreiben: Reichste Frau der Schweiz heiratet Bundesratssohn, brennt dann mit Künstler durch und wird psychiatrisiert. Ihr Gelieber, der Berner Maler Karl Stauffer, wird aufgrund falscher Beschuldigungen ihres Ehemannes und dessen Vaters, Bundesrat Emil Welti, in Italien eingekerkert. Nach der Scheidung vermacht sie ihrem Mann umgerechnet 18 Millionen Franken und zieht sich zurück. Von ihrem Geliebten hatte sie sich bereits vorher zurückgezogen.
Als Mitglied der Familie Welti sehe ich die Geschichte nüchtern. Nicht so ein Teil der Familie, der nach über 100 Jahren immer noch Akten des Falles unter Verschluss hält und der Forschung entzieht. Dank bisher unveröffentlichten Dokumenten, die Joseph Jung, Chefhistoriker der Credit Suisse und Geschäftsführer der Alfred Escher-Stiftung, in seiner Biographie, „Lydia Welti-Escher – Ein gesellschaftspolitisches Drama“ (Verlag NZZ) zugänglich macht, lässt sich das Bild der damaligen Zeit und der Hauptpersonen abrunden. Erstmals kommt darin die Hauptperson, Lydia Welti-Escher, persönlich zu Wort kommen. Die Geschichte des Skandals um die Tochter des Eisenbahnkönigs und dessen Geliebten sowie des Korruptionsskandals, der die damalige Zeit erschütterte, muss neu geschrieben werden. Die im Buch publizierten psychiatrischen Gutachten, die über Lydia Welti von italienischen Gerichtsmedizinern verfasst wurden belegen nämlich: Von Irrsinn keine Spur. Die junge Frau erscheint in Jungs Buch in ganz neuem Licht, nicht als überdrehte und behütete Tochter des übermächtigen Vaters Alfred Escher, sondern als moderne junge Frau, die sich ihrer Handlungen sehr wohl bewusst ist. Dabei war sie ebenso emanzipiert wir ihr Vater und hat sich so wenig wie er den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit unterworfen. Dafür musste sie bitter büssen. Das Buch zum 150. Geburtstag liest sich wie ein Krimi und zeichnet ein hervorragendes Bild der damaligen Zeit.
Joseph Jung: Lydia Welti-Escher – Ein gesellschaftliches Drama. Verlag NZZ, 2008.
Klassenwechsel – Aufsteigen und reich werden in der Schweiz
Die Schweiz bietet nicht allen die gleichen Chancen. Aber es gibt die Tellerwäscher- karrieren auch in der Schweiz. Markus Schneider, der Autor kommt zum Schluss, dass die Aussichten für den sozialen Aufstieg noch nie so gut waren wie heute. Umgekehrt ist auch das das Risiko eines Abstieges so hoch wie noch nie, so der Autor.
Rein statistisch bringen es vier von zehn Akademikerkindern zum Akademiker – sechs nicht.
Wer es an die Uni schafft, hat es mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit einen Vater, und/oder eine Mutter, mit Maturabschluss; und mit 42 Prozent Wahrscheinlichkeit haben der Vater und/oder die Mutter bereits einen Hochschulabschluss.
Markus Schneider. Klassenwechsel – Aufsteigen und reich werden in der Schweiz: Wie Kinder es weiterbringen als ihre Eltern. Echtzeitverlag, 2007.
Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
Steigende Temperaturen, schmelzende Gletscher, Überschwemmungen und immer häufiger auftretende Extreme: Der Klimawandel ist zur Glaubenssache mutiert, Trittbrettfahrer wie Medien und Politiker versuchen, daraus Profit zu schlagen. Josef Reichholf, einer der angesehensten deutschen Naturhistoriker, erinnert uns nun in seinem Buch daran, dass die Erde ein sehr dynamisches System ist und das Erinnerungsvermögen des Menschen kurz und selektiv.
Er stellt fest, dass viele Experten – beeinflusst durch die Zeitenwende zum 21. Jahrhundert – suggerieren, das die Menschheit und die Erde sich in einem klimatisch stabilen Gleichgewicht befinde, das den Aufbau unserer Zililisation erst möglich gemacht habe und das jetzt in Gefahr sei. Josef Reichholf hat Belege dafür gesammelt, dass das Klima in den letzten 1000 jahren alles andere als stabil gelieben ist. Tatsache ist: Zwischen 800 und 1300 war das Klima für den Menschen so vorteilhaft, dass die Bevölkerung dank genügen Nahrung stark wuchs und die meisten der heute noch existiernden Städte gegründet wurden. Im 13. und 14. Jahrhundert wurde es kälter. Grosse Seen wie der Bodensee waren regelmäßig für lange Zeit zugefroren. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts erwärmte sich das Klima ein bisschen. Erst seit 1850 gibt es eine wirkliche Klimaerwärmung. Der Hitzesommern von 1807, sei dabei mit dem 2003 vergleichbar.
Die Klimaerwärmung erst machte das Rousseau’sche Zurück zur Natur erst möglich. In der “Kleinen Eiszeit” zuvor wäre die Idee im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Fazit: Die Wärmeperioden waren für die Entfaltung von Mensch und Tier optimal. Mit der Kälte kamen die Katastrophen. mehr…
Josef Reichholf. Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. S. Fischer-Verlag, 2007.






