Medien und PR: Verstehen, was ist.

23. Februar 2012

Hart? Nein, hilfreich!

Es war ein anstrengender Tag und ich bin auf dem Heimweg. Schon von weitem sehe ich den verwahrlosten jungen Mann auf dem Trottoir sitzen. Mit zwei Hunden teilt er sich eine Decke gegen die Kälte, vor sich ein Plakat, worauf steht: Ich habe Hunger. Danke! «Danke» ist doppelt unterstrichen. Als ich an ihm vorbei gehe, ruft er mir zu: «Einen wunderschönen Abend noch in der warmen Stube!» Ich rufe ihm zu, dass ich ihm gerne die Adresse des lokalen HEKS, des Hilfswerks Evangelischer Kirchen, gebe, wo er sich Hilfe holen kann. Er wendet sich desinteressiert ab.
Bettlern gebe ich nie Geld – jedenfalls nicht in der Schweiz. Eine Kollegin von mir hat Mitleid und gibt mal hier und mal da einen Franken oder sogar zwei. Sie meinte kürzlich, ich sei zu hart gegenüber Randständigen. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, dass ich dem verwahrlosten jungen Mann nichts gegeben habe?
Nein, denn ich bin reformiert. Mit der Reformation mussten Behinderte und Arbeitsunfähige nicht mehr betteln, sondern wurden unterstützt von denjenigen, die arbeiten konnten. Und für die Krankenfürsorge war nun der Staat zuständig. Dem christlichen Gebot, den Armen zu helfen, wurde in Zwinglis Almosenordnung aus dem Jahr 1525 entsprochen. Wer aber gesund war, der wurde, statt seine Talente im Müssiggang zu vergeuden, zur Arbeit angehalten. Kommt Ihnen dies bekannt vor?
Wir Reformierten haben die Grundlage unserer modernen Sozial- und Wirtschaftsordnung gelegt und waren Wegbereiter des Kapitalismus und des Wohlstandes der Schweiz. Ohne protestantisches Arbeitsethos gäbe es auch die Finanzmetropolen Zürich und Genf, wo das Betteln verboten ist, nicht.
In der Schweiz gibt es ausreichend staatliche und kirchliche Hilfe für wirklich Bedürftige. Niemand ist gezwungen zu betteln. Wer aber einem Bettler Geld zusteckt, verhindert im schlimmsten Fall, dass er seine Lage von Grund auf ändert. Und wer weiss, ob das Geld statt in Nahrung in Alkohol fliesst oder, wie in Bern bereits aktenkundig, dem Chef einer Bettlerbande abgegeben werden muss?
Was auf den ersten Blick einem Aussenstehenden hartherzig vorkommen mag, ist in Tat und Wahrheit Hilfe zur Selbsthilfe – ganz in reformiertem Sinne. Ich habe ein reines Gewissen.

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6 Kommentare zu „Hart? Nein, hilfreich!“

  1. Ugugu am 23. Februar, 2012 um 15:13 Uhr #

    Imho: Faule Ausrede von A-Z. Protestantismus als reine Egosekte. Da liegt mir euer Zürcher Pfarrer Sieber dann doch näher. Und warum eigentlich nicht die Eigeninitiative der Bettler belohnen? Wer schon mal auf Behördengeld angewiesen war weiss: Die Betteltour beim Staat ist auch nicht gerade wenig erniedrigend. Ich fordere: Mehr Respekt. Mit einem Zweifränkler finanziert man weder die Maffia nachhaltig, noch tut es besonders weh im Portmonaie.

    (Zusammengefasst via Twitter ;-)

  2. Philippe am 23. Februar, 2012 um 16:36 Uhr #

    Klar tut ein Zweifränkler nicht weh, wenns denn nur einer ist. Ich wurde kürzlich für einen Funfliber angequatscht. Das sind halt Züri-Bettlertarife. Zu deinem Einwand: Eigeninitiative entsteht leider oft erst unter Druck.

  3. Philippe Welti am 24. Februar, 2012 um 10:57 Uhr #


    Die Republikaner haben sich auch schon bedient.

  4. Gerry am 24. Februar, 2012 um 14:30 Uhr #

    Jetzt ist Fastenzeit und wir Katholiken kennen das Fastopfer (euer Brot für alle). Da steckst du regelmässig einen Batzen in das Tütchen anstatt Schoggi oder Bier zu kaufen. Dafür kriegen wir die Absolution während ihr armen Sünder in Zwinglis Höllenfeuer schmoren müsst!

  5. Philippe am 24. Februar, 2012 um 14:35 Uhr #

    Lieber Gerry, wir Reformierten kommen nicht ins Fegefeuer, das ist etwas für euch….

  6. Gerry am 24. Februar, 2012 um 14:38 Uhr #

    Ich meinte mit “Zwinglis Höllenfeuer” eigentlich die Stadt Zürich…

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