Weblog-Archiv für den 7.Dezember 2011

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7. Dezember 2011

Familiengeschichte: Bilder im Bombenhagel

In unserer Familie sieht man sich vor. Das funktionierte nicht immer, dazu aber später. Und manchmal ergeben sich vom Heute Verbindungen zu Ereignissen, die bereits Jahrzehnte zurückliegen.

Mein Urgossvater Albert Welti wäre eigentlich dazu prädestiniert gewesen, das erfolgreiche Transportunternehmen seines Vaters, Welti-Furrer, weiterzuführen, doch er entschied sich für die Malerei. An der Akademie der Künste in München liess er sich zum Maler ausbilden. Dort erhielt er auch den ersten Malunterricht beim bekannten Pastellmaler Ludwig von Löfftz, bei dem auch Karl Stauffer-Bern studierte, und wurde später Schüler Arnold Böcklins. Wäre er statt nach München nach Paris gezogen, würde man ihn vielleicht heute als Impressionisten im Stile Claude Monets kennen. Es kam anders: Albert Weltis Werke handeln oft von schwerer, griechischer Mythologie und nicht von französischer Leichtigkeit.

Nach seinem Tod landeten viele Bilder Albert Weltis bei meinem Grossvater Albert Jakob in Genf und alle Pastellzeichnungen bei dessen Bruder Ruedi in Amriswil, meinem Grossonkel, an den ich mich gut erinnere. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Mein Grossvater, ein überzeugter geistiger Landesverteidiger, der damals in Genf lebte und selber auch Maler war, wollte das künstlerische Erbe der Familie in Sicherheit wissen. Der Schrank in der Arztpraxis meines Grossonkels, in dem die Pastellbilder aufbewahrt waren, schien ihm dazu wenig geeignet, sollte die Schweiz in erbitterten Schlachten mit der einfallenden Wehrmacht zerstört und gebrandschatzt werden. Eine sichere Alternative musste her. Die beiden Brüder Albert Jakob und Ruedi kamen schliesslich auf das Museum im ehemaligen Kloster Allerheiligen in Schaffhausen, das ihnen als sicherer Aufbewahrungsort gerade gut genug schien.

Das war er auch – bis zum 1. April 1944. Und jetzt kommt ein Freund und ehemaliger Arbeitskollege von mir ins Spiel. Rolf Schoch, heute ein erfolgreicher Architekt, lebte damals in Schaffhausen. Wie viele andere wurde auch er damals schon mit drei Jahren in den Kindergarten geschickt. Als man gegen Mittag am Himmel ein Brummen hörte, stürmten die Kinder auf den Pausenplatz und hielten neugierig Ausschau nach den Donnervögeln – als ein Dutzend amerikanischer Liberator-Bomber die Stadt überfliegt. Die Kindergärtnerin, Schwester Lea, eine Nonne, schickte die Kinder gleich nach Hause. Nur wenige Minuten später lädt eine zweite Liberator-Staffel ihre tödliche Last über der Stadt ab – fünfhundert Brand- und Sprengbomben.

Der Kindergarten von klein Rolf wird in Schutt und Asche gelegt. Das Museum zu Allerheiligen wird ebenfalls getroffen. Die Stadt ist in einem Schockzustand. Die Besatzung der Flieger hatte die Orientierung verloren und glaubte, die Stadt Ludwigsburg zu bombardieren. Nie zuvor gab es einen grösseren Bombenangriff auf eine Schweizer Stadt. 50 Menschen werden getötet und über 200 verletzt.

Über 150 Pastellbilder Albert Weltis und Rolf Schoch kriegen wie durch ein Wunder keinen Kratzer ab. Sein Leben hat gerettet, dass er frühzeitig auf den Heimweg geschickt worden war. Das Ereignis hat Rolf Schoch auch als Architekt nachhaltig geprägt: „Abbrüche von Häusern waren für mich nie ein Tabu. Das geht ganz bestimmt auf das Kindheitserlebnis zurück“, ist er überzeugt.

Die Pastellzeichnungen Albert Weltis sind noch heute im Museum zu Allerheiligen – wenn sie nicht gerade ausgeliehen werden. Vom 16. Dezember bis zum 12. März 2012 sind sie anlässlich der Ausstellung Albert Welti – Landschaft in Pastell, zum 150. Geburtstag des Künstlers, im Zürcher Kunsthaus zu sehen.

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