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14. Juni 2010

Den Reformierten fehlt ein Apostel

Manchmal irritiert mich die Kirche. Pfarrer beschwören den “Weltfrieden” oder bekunden “Zorn” über die Bankerboni, verschweigen aber, wofür die Institution, der ich jedes Jahr 1000 Franken Kirchensteuer bezahle, steht. Höchste Zeit, dass der neue Chef der 2,4 Millionen Reformierten in der Schweiz, der am 14. Juni gewählt wird, der Kirche ihr Selbstbewusstsein zurückgibt. Und ihre Leistungen kommuniziert.
Fällt das Wort Kirche, rümpfen meine Freunde die Nase. Die meisten sind bereits ausgetreten. Dabei wissen die wenigsten, was die Schweiz dieser Kirche verdankt: Die Reformierten haben die Grundlage zum modernen Sozialstaat gelegt und waren Wegbereiter des Kapitalismus und des Wohlstandes der Schweiz. Die Reformatoren Huldrych Zwingli und Jean Calvin begründeten unser heutiges Sozialsystem. Nach der Reformation mussten Behinderte und Arbeitsunfähige nicht mehr betteln, sondern wurden unterstützt von denjenigen, die arbeiten konnten und darum auch gehalten waren, ihre Talente nicht im Müssiggang zu vergeuden. Ohne protestantisches Arbeitsethos gäbe es die Finanzplätze Zürich und Genf nicht.
Doch die Kirche als Institution, in der sich viele mit Bescheidenheit zieren, schweigt dazu. Offenbar herrscht Angst, sich mit zu offensivem Marketing zu exponieren und noch mehr Mitglieder zu verlieren. Die Pfarrer setzen lieber Zeichen für den “Weltfrieden” oder die “Bewahrung der Schöpfung” und zünden dafür eine Kerze an. Damit eckt man nicht an.
In meiner Kindheit waren wir Reformierte noch in der Mehrheit. Inzwischen sind wir längst überholt von den Katholiken. Und wir werden immer weniger, wie die jüngste Studie zeigt: Bis 2040 wird nur noch jeder Fünfte Mitglied der reformierten Kirche sein. Es besteht Handlungsbedarf. In den kirchlichen Ausschüssen und Gremien wird viel geredet, aber nichts gesagt und noch weniger entschieden. Tatsache ist: Will die reformierte Kirche nicht an Bedeutung verlieren, muss sie wieder bodenständiger werden. Das fängt ganz oben an und setzt sich auf der Kanzel fort. Der Pfarrer als erster Botschafter der Kirche sollte auch ihr erster «Verkäufer» sein der Apostel Paulus, der Baumeister der Kirche und ihr erster Lobbyist und PR-Berater, hat es vor 2000 Jahren vorgemacht.
Der neue Chef der Schweizer Reformierten muss nicht nur in die Fundamente, sondern auch in die Kommunikation der Kirche investieren. Huldrych Zwingli, Martin Luther und Johannes Calvin waren mitreissende Prediger, die die Menschen um sich scharen und überzeugen konnten. Eine Stimme wie diejenige von Karl Barth, der die Kirche im 20.Jahrhundert massgebend prägte und sich nicht nur als Mitgründer der “Bekennenden Kirche” sondern auch mit seinem Widerstand gegen die Nazis weltweit Gehör verschaffte, fehlt heute in der Schweiz. Genf, das protestantische Rom, strahlt in die ganze Welt aus, wird aber im eigenen Land kaum wahrgenommen.
Ich gehe ab und zu in eine Predigt immer wieder an verschiedenen Orten und immer in der Hoffnung, befruchtende Anregungen zu erhalten. Dabei stelle ich fest, dass es der Kirche an überzeugendem Personal zunehmend fehlt. Die Qualität der Pfarrer ist sehr unterschiedlich, sieht man einmal von den Grossmünsterpfarrern Christoph Sigrist und Käthi Laroche ab. In der Kirche Zwinglis kommen die Besten zum Zug. Das ist eine Prestigefrage. Aber was ist auf dem Land, den kleinen Kirchgemeinden, in denen die Pfarrer ihre Gottesdienste gleich ins Altersheim verlegen könnten?
Der Mitgliederschwund kann nur an der Basis aufgehalten werden. Ihn können nur Pfarrer stoppen, die rhetorisch auf der Höhe sind und auch ein Bewusstsein für die Leistungen im eigenen Haus besitzen. Der Ausbildung der Pfarrer kommt deshalb höchste Priorität zu. Sie sollte eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenrates sein. Ich will mich schliesslich auf künftig von Predigten guter Kommunikatoren inspirieren lassen. Zur Analyse im heutigen “Tages-Anzeiger”.
Locher
Gottfried W. Locher (Mitte), kurz vor seiner Wahl zum SEK-Ratspräsidenten, wird der obige Artikel aus dem “Tages-Anzeiger” vorgelesen.

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Bislang ein Kommentar zu „Den Reformierten fehlt ein Apostel“

  1. Weltis Welt » Reformiertsein heute am 26. August, 2010 um 09:42 Uhr #

    [...] meiner Analyse der Kommunikation der Reformierten Kirche wurde ich angefragt von der Zeitung “Reformiert” für ein Statement zu meinem [...]

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