16. September 2009
Körperwelten anno 1770
So sähen wir aus, wenn wir vor 250 Jahren in die Hände von Honoré Fragonard gefallen wären. Der Mann aus dem südfranzösischen Grasse war auf seinem Gebiet, der Aufdeckung der verborgenen Strukturen des menschlichen Körpers, ein Pionier. Und: Er hatte, wie sein Zauberlehrling Gunther von Hagens, durchaus auch ein Gespür für die spektakuläre Umsetzung der präparierten Körper. Die wohlhabende Familie Fragonards hatte sich traditionellerweise dem Körper gewidmet. Man hatte sich einen Namen als Parfumproduzenten gemacht. Neben den Duftwässerchen wurde der Familienname aber lange nur im Zusammenhang mit der Verfeinerung französischen Kulturgutes in Verbindung gebracht: Die Bilder von Jean-Honoré Fragonard, Cousin des Honoré, gelten im Louvre als bedeutendste Exponate des zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Nun, Honoré ging schon immer seinen eigenen Weg. Er fühlte sich mehr zu Formaldahyd als zu Terpentin oder Patchuli-Essenzen hingezogen und wurde Chirurg. Später, mit 33 Jahren, wurde er Anatom an die Veterinär-Fakultät im Pariser Vorort Alfort-Maisons. Hier baute er sich eine regelrechte Freak-Show mit dem auf, was die Natur an Eigenartigem zustande bringt.
Pfeffer und Gewürze statt Plastination
Fragonard entwickelte dabei als erster eine Technik, die es erlaubte, Tier- und Menschenkörper zu enthäuten und trocken zu konservieren. 50 seiner Werke sind heute noch in dem nach ihm benannten Museum aufbewahrt. Über seine Arbeitsmethode schwieg sich Fragonard, im Gegensatz zu von Hagens, der die Plastination entwickelte, sein Leben lang aus. Es wird angenommen, dass er die Körper in Alkohol, dem Pfeffer und Gewürze beigemischt wurden, tränkte. Später dann injizierte er farbigen Wachs in Bronchien, Venen und Arterin. In ihre endgültige Position gebracht, liess er die Körper dann in der Luft trocknen.
So wie sein Ruf in der Pariser Aristokratie wuchs, nahm auch der Neid des Akademie-Direktors auf den Emporkömmling zu. 1771 stoppte schliesslich ein Gerücht Honoré Fragonards Arbeit: Bei einer seiner präparierten Figuren handle es sich in Wirklichkeit um Fragonards frühere Verlobte. Die junge Frau war aus Gram über die von ihren Eltern verweigerte Heirat mit dem Anatomen freiwillig aus dem Leben geschieden. Für das Werk “Le cavalier de l’Apocalypse” –
es zeigt einen Menschen auf dem Rücken eines Pferdes – habe Fragonard die Frau aus dem Grab geholt, um sie für die Ewigkeit zu präparieren, hiess es. Erst eine Inspektion im Schrittbereich der menschlichen Gestalt liess das Gerücht schliesslich verstummen – seinen Job war Fragonard da aber bereits los geworden. Nach seiner Entlassung profitierte Fragonard davon, dass es zu jener Zeit in Adelskreise gerade en vogue war, sich Kuriositäten-Kabinette zuzulegen. So präparirte er denn weiter, was ihm unter die Hände kam. Im Jahr 1799 starb er wohlhabend mit 66 Jahren.
Körperwelten, wie es sie im Moment in Zürich zu sehen gibt, sind also nichts Neues. Und umstritten waren die Präparatoren schon immer. Was treibt sie an? Die Antworten müssen in der Stille der ausgestellten Kreaturen liegen. Zu Lebzeiten gefragt, was er in seiner Welt der Kadaver treibe, soll Fragonard jeweils geantwortet haben: “venez et voyez” – eine Einladung, die auch heute noch gilt.





