Weblog-Archiv für den 19.September 2008

Medien und PR: Verstehen, was ist.

19. September 2008

Boulevardjournalismus in der „Nazi-Falle“

Man könnte auch eine Geschichte schreiben können über einen Serben und einen Kroaten, die sich vor wenigen Jahren noch bekriegt haben und heute herausgefunden haben, dass sie gemeinsame Vorfahren haben. Bloss: Wer interessiert sich in den Schweizer Medien schon für Positivmeldungen über Menschen aus dem Balkan? “20 Minuten” hätte auch eine Geschichte über ein erfolgreiches Zürcher Startup publizieren können, das seine Dienste erfolgreich in der ganzen Welt anbietet. So etwas geziemt sich allerdings nicht in den Redaktionsstuben der Zwinglistadt, wo die selbsternannten Wächter der Demokratie sitzen. Diese befürchten, dass durch positive Geschichten den Geruch der Käuflichkeit an ihnen haften könnte. Deshalb suchen die Medien lieber den Skandal. Vor diesem Hintergrund muss auch die Forderung von Verlegerverbandspräsident Hanspeter Lebrument gesehen werden, der kürzlich in Montreux die Einbindung der Redaktionen in die verlegerische Gesamtverantwortung gefordert hat.
Wie man einen Skandal konstruiert, lässt sich heute am Artikel “Zürcher Firma bietet ‘Judentest’ an” in “20 Minuten” aufzeigen. Gekonnt skandalisiert der Autor den Abstammungstest der Firma Gentest GmbH, indem er die jüdische Gemeinschaft instrumentalisiert. Mit einem Lausanner Uniprofessoren als Kronzeugen, zieht der Journalist die Methode des Abstammungstests in Zweifel. Gegen Ende des Artikels kommt dann auch noch die Anbieterfirma zu Wort. Allerdings erst, nachdem sich der Leser bereits eine Meinung gebildet hat.
Fazit: Heute wird das Unternehmen in der Öffentlichkeit mit dem “Ariernachweis” der Nazis in Verbindung gebracht – zu unrecht. „Hagalil“ und das jüdische Schweizer Wochenmagazin “Tachles” haben sich des Themas ebenfalls bereits angenommen, auf etwas differenziertere Art und Weise und ohne dabei in die “Nazi-Falle” zu tappen. Die plumpe Skandalisierung des Themas durch “20 Minuten” ist ein Beispiel für das unter dem Wettbewerbsdruck sinkende Niveau des Boulevardjournalismus in der Schweiz. Was bedeuted dies für die Schweizer Unternehmen? Ihrer Kommunikation und der Medienarbeit kommt wachsende Bedeutung zu. Der frühzeitige Aufbau eines positiven Unternehmensimages kann das Überleben sichern.

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