29. Dezember 2007
Wie ich mitrede, ohne gelesen zu haben
Jedes Milieu hat eine Liste von Büchern, die man gelesen haben muss, will man sich nicht blamieren. Für den Zürcher Banker sind es zum Beispiel die Bücher des Bankenprofessors Beat Bernet, für Studenten der Geschichte immer noch das “Kommunistische Manifest”. Nicht jeder, der ein Buch gelesen haben will, hat dies auch getan. Aber das ist eine andere Geschichte. Was tut man in Gesprächssituationen, in denen es um Bücher geht, von denen man keine Ahnung hat? Nur nicht vor Scham im Boden versinken. Der französische Literaturprofessor und Psychoanalytiker Pierre Bayard räumt radikal auf mit dem Zwang des Gelesen-haben-Müssens und erweist der Nichtleserschaft einen grossen Dienst, indem er postuliert: Ein Buch muss man nicht von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen haben, um sich darüber unterhalten zu können. Vielen von uns fehlt dazu schlichtweg die Zeit. Darauf baut zum Beispiel erfolgreich das Business-Modell von Get Abstract auf.
In seinem Buch “Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat” unterscheidet Bayard die folgenden Typen von nichtgelesenen Büchern – über alle kann man sich austauschen:
- Einem völlig unbekannte Bücher
- Quergelesene Bücher
- Bücher, die man vom Hörensagen kennt
- Bücher, die man einmal gelesen, aber vollständig vergessen hat
Bayard entlastet in seinem vergnüglich zu lesenden Buch unser Gewissen und gibt dazu auch noch nützliche Ratschläge, wie man sich in angeblich belesener Gesellschaft nicht blamiert.
- Leben Sie Ihre Komplexe bezüglich kultureller Sozialkompetenz ab und nehmen Sie nicht für bare Münze, wie viele Bücher ihre Gesprächspartner gelesen haben.
- Betrachten Sie das Reden über Bücher in erster Line nicht als sozialen, sondern kreativen Prozess.
- Vertreten Sie Ihre Ansichten über ein Buch oder eine Geschichte mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Falls Sie seltsame Interpretationen von sich geben, werden dann entweder als Zeichen eines originellen Geistes oder als Humor interpretiert.
- Nötigenfalls erfinden Sie ein Buch, lassen Ihrer Phantasie freien Lauf und lenken das Gespräch auf ein anderes Thema. Und vergessen Sie nicht: Andere schummeln auch, wenn es um die Anzahl gelesener Bücher geht.
“Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat”, Pierre Bayard, Kunstmann Verlag.





